Enns vor 1212

Die heutige Stadt Enns kann auf eine viel bewegte Geschichte zurückblicken. Vor allem die römischen Einflüsse und Errungenschaften wirkten bis weit über das Mittelalter hinaus.

Enns und die Römer

Am Ende des 2. Jahrhunderts nach Christus wurde in Enns ein ca. 21 ha (539 x 398 m) großes Legionslager aus Stein errichtet. Das Lager von Lauriacum hatte eine über 2 m breite und etwa 9 m hohe Umfassungsmauer. Die Türme an den Ecken sowie den Längs- und Schmalseiten dürften 12 m hoch gewesen sein. Über vier Tore gelangte man in das Lager, das mit einem 15 m breiten und 4 m tiefen Graben umgeben war.

In diesem militärischen Bollwerk war die 2. italienische Legion (Legio II Italica) stationiert, die zwischen 4200-6200 Mann umfasste.2 Ab dem frühen 3. Jahrhundert lebten verheiratete Soldaten und Offiziere auch in Privathäusern außerhalb des Militärlagers.1 Gemeinsam mit dem Lager dürfte auch das Umfeld, die Zivilsiedlung Lauriacum, miteingeplant worden sein.3 Allerdings dürfte es sich bei dieser Siedlung weder um ein urbanes Zentrum noch um eine Provinzhauptstadt gehandelt haben4, da wichtige Einrichtungen wie ein Forum, ein Amphietheater oder Ehrenbögen bislang nicht gefunden wurden.

Der Übergang ins Mittelalter

Nach und nach dürfte das römische Enns an Bedeutung verloren haben. In einer Erinnerungsschrift an den heiligen Severin schreib Eugippius 511, dass sich die Bevölkerung in den Jahren zuvor innerhalb der schützenden Mauer des Legionslagers aufgehalten hatte, da mit Einfällen der Germanen gerechnet werden musste.63 Die Zivilstadt war nach dem Hunnensturm nicht wieder aufgebaut worden.75 Eugippius’ Werk zeigt deutlich, dass Lauriacum dennoch einer der wichtigsten Orte in Ufernorikum gewesen sein musste. Das wird unter anderem dadurch deutlich, dass Bischof Constantius von Lauriacum der einzige Bischof nördlich der Alpen ist, der namentlich aus der Zeit der Völkerwanderung bekannt ist.76 Die Organisation und die Verwaltung in Lauriacum lag in der Hand des Klerus.

Mit dem Beginn des 6. Jahrhunderts fehlen für fast 200 Jahre sowohl schriftliche als auch archäologische Quellen über Lauriacum.

Unter bayerischer Herrschaft

Allem Anschein nach dürft Lauriacum nach dem es einige Jahrzehnte zum Reich der Goten unter Theoderich gehörte79, ins Bayerische Herzogtum eingegliedert worden sein. Zumindest wird Enns als Ausgangsort der Jagdgesellschaft von Gunther und dem Sohn Thassilos III. in der Gründungslegende von Kremsmünster genannt.

Lauriacum im Reich der Karolinger

Thassilo III. wurde 788 auf einer Reichsversammlung angeklagt und dann als Herzog abgesetzt. Enns kam in das große Reich der Karolinger unter der Herrschaft Karls des Großen. Auf dem Krieg gegen die Awaren erreichte der König im Herbst 789 Lauriacum. Hier sollte sich sein Herr vor der Schlacht ausruhen. Der König quartierte sich wahrscheinlich im Legionslager ein und ließ am Georgenberg, der damals „Wartberg“ genannt wurde, nach germanischer Sitte unter freiem Himmel Gerichtstag halten.

Lauriacum als Sitz des Ostlandpräfekten

Auch in den Jahren danach dürfte das Legionslager immer noch benutzt worden sein. Lauriacum war Sitz des Ostlandpräfekten. Als Unterpräfekten zum bayerischen Präfekten, der dem fränkischen König unterstellt war, waren nacheinander Goteram, Werner, Albrich, Gotafried und Gerold II. in Lauriacum. Das Gebiet der „plaga orientalis“ umfasste den Traungau und Oberpannonien. Der Amtssitz war wahrscheinlich im ehemaligen Kommandanturgebäude des Lagers. Im Jahr 805 bestimmte Karl Lorch neben Magdeburg und Erfurt zum Grenzort, von dem keine Waffe nach Osten ausgeführt werden durften.

Lauriacum und das Bistum Passau

Als 828/830 der Traungau dem Bistum Passau unterstellt wurde, hatte Lorch seine Bedeutung als Grenzstadt und Hauptort des Ostlandes bereits eingebüßt. 84 Im Jahr 900 überfielen dann zwei Heereskontingente der Ungar das Land. Auf ihrem Rückzug wurden sie in Linz von einem bayerischen Heer überrascht. Die bayerischen Kämpfer verstärkten im Anschluss daran die Mauer des ehemaligen Legionslagers in Lauricum Unter dem Namen „Ennsburg“ dürfte das Lager gemeint sein. Grabungen auf dem Georgenberg brachten keinen Hinweis auf eine ehemalige Befestigung auf der Anhöhe.

Sieben Jahre später, 907, sammelte sich das große Heer Marktgraf Luitpolds erneut in Lorch-Enns um gegen die Ungarn zu kämpfen. Wieder 70 Jahre später erhielt Pilgrim, der Bischof von Passau, „von Kaiser Otto II. das „Gut Ennsburg“ (Anesapurch) und zehn Königshufen (= größere Bauerngüter) am Westufer der Enns. Sie lagen im oder beim königlichen Dorf Lorch (Loracho).“ („Geschichte von Enns“, Seite 91)

Die Pilgrimschen Fälschungen

Am Ende des 10. Jahrhunderts kommt es dann zu einer großen Fälschungsaktion, die von Bischof Pilgrim in Auftrag gegeben wurde, der Pilgrimschen Fälschungen. Diese verschiedenen gefälschten Urkunden sollten den Zweck erfüllen, den jeweiligen Bischof von Passau als rechtmäßigen Nachfolger von Lauriacum zu erheben und damit festzustellen, dass der Bischof von Salzburg kein Recht hatte, die Ungarn zu missionieren und zukünftige Bistümer in Ungarn nur Passau zu unterstellen seien. Grundlage der Fälschungen waren Dokumente, die Chorbischof Madalwin dem Bistum Passau vermacht hatte. Dazu gehörten eine Lebensbeschreibung des Heiligen Severin und chronikalische Nachrichten von der Zerstörung Lauriacums durch die Awaren um 712.