Politik um 1212

Wie viel die Ennserinnen und Ennser von den Geschehnissen außerhalb der Stadt und des Herzogtums Österreich mitbekommen haben, lässt sich heute nur sehr schwer sagen. Je weiter weg von der Stadt das Geschehnis im Jahr 1212 passierte, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Bürgerinnen und Bürger davon im selben Jahr, dem Jahr der Stadterhebung, etwas erfahren haben. Sehr wohl dürften sie aber über die Geschehnisse bescheid gewusst haben, die in den Jahren zuvor passiert waren und die aller Wahrscheinlichkeit nach auch das Leben in Enns auf die eine oder andere Art und Weise geprägt haben.

Im Reich geht es in den Jahren rund um 1212 ziemlich zur Sache, mal etwas heftiger, mal etwas ruhiger. Das große Duell dieser Zeit heißt Welfen gegen Staufer oder um es an Personen zu definieren: Otto gegen Friedrich. Doch wie war es nur so weit gekommen

Friedrich I. Barbarossa

Blicken wir einige Jahre zurück, werden wir feststellen, dass Friedrich I. „Barbarossa“ bereits den Grundstein für diesen Konflikt setzt. Angeblich um den Frieden im Reich zu erhalten und Heinrich den Löwen in Schach halten zu können wird er 1152 erst zum König gekrönt und später zum Kaiser gewählt. Er liefert sich einige Machtkämpfe mit dem Papst, die unter anderem nach einem Feldzug in Italien in ein Friedensabkommen münden. Nun hat er genug Zeit, die Machtverhältnisse im Reich zu ordnen.

Es folgt ein langer Streit mit Heinrich dem Löwen. Dieser findet vor allem auf rechtlicher Ebene statt. Friedrich schafft es, Heinrich zu entmachten, seine Besitztümer neu zu verteilen, und ihn verhängt mit der Reichsacht ins Exil nach England zu zwingen. Heinrich, das muss man wissen, ist ein Welfe.

1189 bricht Friedrich in den 3. Kreuzzug auf. Ihm folgen 1190 Richard I. Löwenherz und Philipp II. von Frankreich. Im Juli 1190 stirbt Friedrich im Fluss Saleph in Sichtweite der Stadt Seleucia.

Heinrich VI.

Nun tritt sein Sohn Heinrich auf den Plan. Der war 1169 unter seinem Vater zum König gekrönt worden und sicherte durch seine Heirat mit Konstanze von Sizilien Ansprüche für die Staufer auf Süditalien. Dieser Heinrich folgt seinem Vater als Heinrich IV. 1191 auf den Kaiserthron. Drei Jahre später wird er auch noch König von Sizilien. Im selben Jahr, 1194, nimmt Herzog Leopold V. von Österreich den englischen König Richard I. „Löwenherz“ auf seiner Heimreise vom Kreuzzug gefangen und liefert ihn an Heinrich aus. Der lässt den König nach Erhalten einer immensen Lösegeldsumme wieder frei. (Mit diesem Geld wird später unter anderem die Stadtmauer der jungen Stadt Enns finanziert.). Damit wird die Beziehen zwischen Staufern und Welfen noch schlechter. Richard ist nämlich der Schwager des im Exil lebenden Welfen Heinrich des Löwen, der mit Mathilde, Richards Schwester verheiratet ist.

Als Heinrich VI. im September 1197 in Messina an der Malaria stirbt, stürzt das Reich in eine schwere Krise. Die Welfen sehen ihre Chance und fordern wieder ihre Machtansprüche im Reich. König ist kein geringerer als der kleine Friedrich. 1196 hatte ihn sein Vater mit kaum zwei Jahren zum König wählen lassen, um seine Ansprüche zu sichern. Nur als sein Vater ein Jahr später stirbt, kann der Junge natürlich nicht regieren.

Philipp von Schwaben

Um der antistaufischen Opposition zuvorzukommen und seiner Familie den Thron zu erhalten, lässt sich Friedrichs Onkel Philipp von Schwaben 1198 in Mühlhausen gegen seine eigentliche Überzeugung zum König wählen. Als Reichsverweser will er die Macht der Staufer so lange bewahren, bis Heinrichs Sohn Friedrich die Regentschaft übernehmen kann.

Otto IV.

Im selben Jahr krönt der Kölner Bischof auf Drängen führender Kölner Bürger, die den Handel mit England ankurbeln wollen, Otto IV. ebenfalls zum König. Der Bischof wollte das eigentlich nicht, da er Vergeltung für den Sturz Ottos Eltern (Heinrich der Löwe und Mathilde, die ins englische Exil mussten) befürchtete. Otto IV. wird unterstützt von seinem Onkel Richard I. Löwenherz, der sich damit für seine Gefangenschaft durch Heinrich VI. rächen will. Außerdem hofft er auf die Unterstützung durch Otto und dessen Reich im Kampf gegen den französischen König.

2 Könige im Reich

Noch nie hatte es das gegeben: Zwei Könige in einem Deutschland. Ein Schiedsrichter musste her und war schnell gefunden: Der Papst. Den erst 5jährigen Knaben Friedrich kann er nicht zum König machen. Auch ist ihm dessen Königreich Sizilien ein Dorn im Auge. Den exkommunizierten Philipp, ein Papstgegner, will er nicht. Also entscheidet sich Innozenz III. für den Welfen Otto IV. Als Gegenleistung verspricht ihm Otto die Achtung aller kirchlichen Besitztümer, also ganz Mittelitalien und verzichtet somit auf eine selbstständige kaiserliche Politik in Italien.

Der Papst forderte alle auf, Otto zu unterstützen. Ansonsten würde er sie mit dem Bann belegen. Vor allem die staufischen Bischöfe hatten nun ein großes Problem.

Dann schlägt allerdings das Schicksal wieder zu. Mit dem Tod Richards 1198 verliert Otto einen wichtigen Verbündeten. Richards Bruder Johann Ohneland stellte alle finanzielle Hilfe ein.

Trotz dieses Rückschlags stellt sich Otto im Kampf zwischen Welfen und Staufern als der Geschicktere heraus. Da er aber keinen endgültigen Sieg erringen kann, wechseln immer mehr weltliche und geistliche Fürsten auf Philipps reich mit Gold ausgestattete Seite.

Als Otto nun 1206 die Entscheidungsschlacht bei Köln verliert, tritt auch der Papst in Verhandlungen mit Philipp. Um ein blutiges Ende zu Vermeiden, einigt sich Philipp mit dem Papst. Die Staufer bekommen die Kaiserkrone, der Papst die Eigenständigkeit Siziliens und Otto die Nachfolge Philipps.

Die Ermordung Philipps

Die nächste Katastrophe lässt aber nicht lange auf sich warten. 1208 wird Philipp vom bayerischen Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach aus persönlichen Gründen ermordet. Daraufhin bricht Chaos im Reich aus: Kaufleute und Klöster werden geplündert, das Reichsgut ist Übergriffen ausgesetzt.

Ottos Position, als römisch-deutscher König, erhält mehr Gewicht. Die Staufer einigen sich mit ihm: Otto von Wittelsbach wird geächtet, Philipps Tochter mit Otto IV. verlobt. Nach kurzen Verhandlungen wird er 1209 in Rom von Papst Innozenz zum römisch-deutschen Kaiser ernannt.

Otto will aber mehr. Aufständische aus dem Königreich Sizilien bieten ihm an, ihm bei der Eroberung der Insel zu helfen. Diese muss er ergreifen, da es ihm ermöglichen könnte, seine größten Rivalen, Friedrich, für immer auszuschalten. Gleichzeitig kündigt er an, die Kaiserrechte in Mittelitalien durchsetzen zu wollen, da die weltliche Gewalt dem Kaiser gebühre.

Entsetzt wendet sich Papst Innozenz III., seit 1198 der Vormund Friedrichs, von Otto ab. Er exkommuniziert Otto IV., entbindet die Fürsten von ihrem Treueeid und forciert die Krönung Friedrichs. Als sich nun auch noch die Fürsten von Otto abwenden, bricht er seinen Feldzug in Italien ab und kehrt nach Deutschland zurück. Um seine Macht zu erhalten, ehelicht er die 14jährige Tochter Philipps, Beatrix, die kurze Zeit später überraschend an der Malaria stirbt.

Friedrich II. übernimmt bereits 1208 mit 14 Jahren seine Regentschaft und holt sich seine entrissenen Güter und Rechte zurück. Friedrich wird 1212 zum römisch-deutschen König wiedergewählt. Im Jahr der Erhebung von Enns zur Stadt war der Konflikt zwischen Welfen und Staufern, zwischen Otto und Friedrich immer noch nicht gelöst. Es gibt einen jungen König, der gerade wiedergewählt wurde und einen auf dem absterbenden Ast sitzenden Kaiser. Erst zwei Jahre später, 1214, wird Otto endgültig besiegt. In der Schlacht von Bouvines bei Lille bezwingt Friedrich mit der Unterstützung des französischen Königs Philipp II. seinen Rivalen Otto.

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