Gesellschaft um 1212

Wenn wir wissen wollen, wie die Bevölkerung damals gelebt hatte, müssen wir uns nicht nur ihre Behausungen, ihre Bekleidung, ihre Arbeitsmaterialien, ihre Nahrungsmittel ansehen, dürfen nicht nur einen Blick auf die politischen Geschehnisse in dieser Zeit werfen. Wir müssen uns vielmehr ansehen, unter welchen Einflüssen, die Leute standen. Was haben sie geglaubt, was war ihr Lebensantrieb, wie war die Gesellschaft gegliedert, wovor hatten die Leute Angst, was gab ihnen Hoffnung, was waren ihre Lebensziele.

Glaube, Gesellschaft, Weltbild und Selbstbild

Eine große Rolle im Leben der Menschen spielte der Glaube an Gott. Nie waren die Menschen religiöser als im Mittelalter. Drei Dinge waren allen Menschen gewiss:

●   Die Welt ist von Gott nach dessen unermesslichem und darum unergreiflichen Plan gefügt worden.

●   Nichts auf der Welt ist so gewiss wie der Tot.

●   In naher Zukunft wird es zum „Jüngsten Gericht kommen“ in dem Gott über alle Menschen richten wird. Die Guten ziehen mit Gott in den Himmel, die schlechten müssen aber auf ewig Qualen erleiden im Feuer der Hölle.

Heil gab es nur in der Kirche. Die katholische Kirche der damaligen Zeit war sehr mächtig und einflussreich. Der Papst stellte das geistliche Gegenstück zum Kaiser, die kirchlichen Gesetze regelte maßgeblich das Leben der Menschen, sei es am Mittagstisch (Freitag ohne Fleisch) oder bei den Arbeitszeiten (kirchliche Feiertage). Außerdem bildeten die zahlreichen Klöster die wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Zentren der damaligen Zeit. Viele kluge Köpfe entsprangen der katholischen Kirche.

Da ist es nicht verwunderlich, dass es ausgerechnet ein katholischer Gelehrter war, der die damalige Gesellschaftsordnung darstellte. Nach Berthold von Regensburg gab es drei Ränge zu herrschen:

●   Der Papst und die Geistlichkeit als Tugendwächter und Richter

●   Der Adel zur Durchsetzung des geistlichen Willens und zum Schutz der Rechtschaffenden

●   Die Mönche und Nonnen als Lehrmeister und Vorbilder an Geduld und Barmherzigkeit

Alle anderen werden beherrscht.

Zwei herrschende Klassen stehen sich im Mittelalter gegenüber. Da haben wir zunächst die geistliche Herrschaft in Form der katholischen Kirche und auf der anderen Seite die weltliche Herrschaft in Form des Adels. Sie nehmen den überwiegend geringsten Teil der Bevölkerung ein. Viel größer ist der Teil der beherrschten Bevölkerung: Bürger, Händler, Handwerker, Tagelöhner und der große und wichtige Bereich der Bauernschaft. Sie sicherten den Wohlstand der Herrschenden. Dann gibt es noch den Abschaum der Gesellschaft, den nicht einmal Gott lieben kann und sogar der Teufel verschmäht. Dazu zählen Gaukler, Sänger, Tänzer, Bader, Henker, Dirnen.

Der Grund für dieses strikte und klare Weltbild liegt darin, dass es in einer Welt, deren staatliche Ordnung durch unvorhergesehene Schicksalsschläge von heute auf morgen in ihren Grundfesten erschüttert werden konnte, feste, unbeugsame, für jedermann verständliche Strukturen geben musste, die Halt und Sicherheit garantierten. Die Lebenserfüllung jedes einzelnen dieses Systems bestand im Aufgehen in seiner von Gott vorgesehenen Aufgabe, seiner Position in der Gesellschaft. Nur die Gesellschaft konnte in dieser Zeit das geben, was so erstrebenswert erschien: Anerkennung und unsterblichen Ruhm.

Betrachtete man das kleine „ich“ im 13. Jahrhundert war dieses eingebettet in drei schützende Ordnungen, der Familie, dem Stand und der weltlichen sowie geistlichen Herrschaft. Außerhalb dieses Systems lauern Angst, Schrecken, Tod und Verderben. Nach einer schwerwiegenden Straftat oder „Sünde“ wurde man durch Verbannung, Brandmarkung, Verhängung von Acht und Bann und Exkommunikation aus diesem System ausgeschlossen. Dieser Ausschluss bezog sich auf das Diesseits genau so wie für das Jenseits.

Zwischen 1150 und 1200 taucht der Begriff des Purgatorium erstmals in einer Handschrift auf. Das Fegefeuer bildet den Übergang von der Hölle zum Himmel, es gibt eine Chance, doch noch in den Himmel kommen zu können, ist aber mit großen Qualen verbunden. Aus diesem Grund versucht man, bereits auf Erden für seine Sünden zu büßen und alles daran zu setzen, möglichst gleich in den Himmel zu kommen. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Für die einfache Bevölkerung war die Pilgerschaft das „einfachste Mittel“. Dem Adel und Rittertum war darüber hinaus möglich, an einem Kreuzzug teilzunehmen.

Kultur und Kunst

Die Zeit um die Stadterhebung von Enns 1212 steht im Zeichen eines einzigartigen Kulturprozesses. Erstmals entstand nördlich der Alpen eine eigenständige Kunstrichtung. Ausgehend von Frankreich verbreitete sich die Gotik nach und nach auch im deutschen Reich. Im Gegensatz zur massiven Bauweise der Romanik, zeichnete sich die Gotik durch ihre Formvollendung, durch ihre Filigranität, durch ihre Unantastbarkeit und ihr förmliches Emporstreben aus. Die Räume der neuen Kathedralen waren für damalige Verhältnisse unvorstellbar groß, dabei waren sie aber so hell und lichtdurchflutet, wie kaum andere Bauwerke dieser Zeit.

Die Zeit des ausgehenden 13. Jahrhunderts war eine überaus dunkle Zeit und damit ist nicht nur die Geschichtsschreibung gemeint. Am schlimmsten dürfte es in den Burgen gewesen sein. Um unbeheizten Räume einer Burg, die kalte und feuchte Wände aufwiesen nicht noch mit Zugluft zu kühlen, waren vor allem in der kalten Jahreszeit die Fenster auch tagsüber geschlossen. Die damals üblichen Talglampen und Kienspäne boten nur spärlich Licht. Nicht recht viel anders dürfte es in den Häusern der Händler, Handwerker, Tagelöhnern und in den Bauernhöfen ausgesehen haben. Glasfenster waren nicht leistbar, Lichtquellen, die ihnen zur Verfügung standen überaus gering. Eine wahrlich dunkle Zeit.

Von nachfolgenden Generationen wurde die Gotik lange verhöhnt. Giorgio Vasari (1511 – 1574) erfüllte diese Kunstepoche mit Ablehnung. Der von der Ästhetik der römisch-griechischen Antike durchdrungenen Architekten und Hofmaler der Medici wollte mit dem von ihm ausgedachten Begriff der „gotico“ diese Kunstepoche für immer brandmarken.