Enns im Jahr 1212

 

Einiges ist geschehen im Jahr 1212. Im März legt Clara ihr Gelübte ab und Gründet mit Franz von Assisi den Orden der Klarissinen. Knapp einen Monat später verleit Leopold VI. Enns das Stadtrecht, in dem er die Privilegien der Stadt bestätigte. Im Mai ziehen Kinder von Deutschland und Frankreich aus nach Italien um dort ein Schiff in das gelobte Land zu besteigen. Dort werden sie allerdings nie ankommen. Dieses Unternehmen geht als „Kinderkreuzzug“ in die Geschichte ein. Im 17. Juli siegt das christliche Heer im spanischen Navas de Tolosa über ein großes maurisches Aufgebot. Außerdem wird in diesem Jahr Friedrich II. mit 18 Jahren als Gegenkönig zu Otto IV. wiedergewählt.ENNS 1212
Die Stadterhebung Enns am 22. April 1212Nach Leopolds Tot erhielten die beiden Herzogtümer kurzzeitig zwei verschiedene Herrscher. Österreich wurde von Friedrich I. regiert, die Steiermark von dessen Bruder Leopold VI. Als Friedrich 1198 auf dem Kreuzzug starb, übernahm Leopold auch die Regentschaft über das Herzogtum Österreich.

Nun begann für Enns eine Zeit großer Veränderungen. Zunächst erwarb Herzog Leopold Linz und Wels. Dies wirkte sich wirtschaftlich äußerst negativ für Enns aus.106 Dann wurde der Donauhandel komplett neu strukturiert. Die Hauptmautstelle wurde nach Linz verlegt, die Regensburger wurden aus dem Geschäft verdrängt. Enns verlor seine Position als wichtigste Handelsstadt der Steiermark an der Donau. Der Fernhandel aller westlichen Kaufleute verlegte sich mit der Gründung von Wiener Neustadt im Jahr 1194 und der Einrichtung des Wiener Stapel- und Niederlagsrechtes 1221 in den Osten.106 Unter anderem erhielten die Kaufleute aus Flandern ein eigenes Handelsrecht für Wien. Leopolds Politik konzentrierte sich mehr auf Österreich, als auf die Steiermark.

Für Enns war diese Entwicklung alles andere als erfreulich. Allein die Stadtmauer, die aus der Handelssiedlung eine Festung gemacht hatte, war das einzig Positive, das Enns aus der Regentschaft Leopolds verbuchen konnte.106 In dieser Zeit des Umbruchs und der Sorgen, waren die Ennser darauf bedacht, nicht noch mehr zu verlieren. „Den Ennsern waren die Veränderungen sicher nicht entgangen. Zu dieser Zeit dürften sie sich noch mehr als Untertanen des Steirischen Herzogs gesehen haben. Es ging ihnen daher vor allem um die Sicherung und Erhaltung ihrer Privilegien.“ (Seite 103) In diesem Bestreben werden wir den hauptsächlichen Grund zu suchen haben, daß sie sich von ihrem (steirischen) Landesfürsten die „wohlerworbenen Rechte“ schriftlich bestätigen ließen.“ („Geschichte von Enns“, Seite 106)

Im Stadtrecht von 1212 sind demnach alte und schon lange gebräuchliche Rechtssatzungen schriftlich festgehalten worden. Da es die erste Urkunde dieser Art ist, kann man davon ausgehen, dass sie eine besondere Auszeichnung darstellt, denn nur wenige Kommunen konnten auch nur Ähnliches erreichen.

Herzog Leopold VI. stellte das Diplom am 22. April 1212 im Rahmen des Jahrmarktes in Enns aus. Auch wenn viele Fernhandelskaufleute ein großes Interesse an dieser Schrift hatten, so wird im Gegensatz zur Georgenberger Handfeste bei der Stadtrechtsurkunde kein Fernhändler als Zeuge angeführt.

In ihrer äußeren Form unterscheidet sich die Stadtrechts-Urkunde kaum von jenem Schriftstück der Georgenberger Handfeste.106 In den ersten fünf Absätzen geht es um die Bestrafung von Gewalttaten mit tödlicher Folge oder zumindest schwerer Verletzung. Dann werden die Bestrafungen und Rechtssprechungen bei Vergewaltigungen, dem Aussprechen von Schimpfworten geregelt. Auch werden das Erbrecht und der Hausfriede thematisiert. In Enns hatte jeder Bürger das Recht, über seinen Nachlass testamentarisch zu verfügen.

Nach dem Einbringen einer Klage war ein heimlicher außergerichtlicher Vergleich verboten. Die Aufnahme von Bürgern war dem Herzog vorbehalten. Bis zur nächsten Ankunft des Herzogs genoss ein angehender Bürger den Schutz und Schirm der Bürger. Der Herzogs gewährleistete den Bürgern, dass keiner von ihnen zum Richter bestellt werden würde.

„Als letztes machte der Herzog das Zugeständnis, daß jene Bürger, die ein Wappen führten, und ein Pferd und Rüstung besaßen, nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden würden. Sie sollten vielmehr im Bedarfsfall die Stadt verteidigen und im übrigen ihrer „Arbeit“, dem Handel, nachgehen.“ („Geschichte von Enns“, Seite 111)

Enns zur Zeit der Stadterhebung

Der Herzog hatte sicher großes Interesse an einer starken, finanzkräftigen Bürgerschaft. Die Stadterhebung von Enns fällt in eine Zeit zahlreicher Stadtgründungen. Herzog Leopold VI. war während seiner Regentschaft sehr bedacht, sein Territorium immer mehr zu erschließen. Die Bevölkerung wuchs sprunghaft.106 Dadurch war es notwendig immer mehr Land zu kultivieren. Waldflächen wurden gerodet, der Pflug und die Egge, die Einführung der Dreifelderwirtschaft sowie der vermehrte Einsatz von Wassermühlen führten zu einer Verbesserung der Nahrungsversorgung und damit auch des Lebensstandards.

Es kam zu einer gesteigerten Nachfrage nach Gewerbegütern. Dies wiederum führte zu einer Spezialisierung einzelner Berufsgruppen und zur Schaffung neuer. Vieles machten die Leute nicht mehr selber. Schuhe wurden unter anderem nun vom Schuster hergestellt. Die Leute hatten auch ein größeres Bedürfnis nach feineren Stoffen und besseren Kleidern die nun noch mehr als vorher von professionellen Schneidern genäht wurden.

Produziert wurde nicht mehr nur ausschließlich auf Bestellung. Diese Überproduktion brachten die Kaufleute auf den Markt. Zu den Fernhändlern traten nun die Nahhändler und Krämer. Sie kauften die Handelsgüter am Land auf und verkauften sie an den Markttagen in der Stadt.

In Städten musste die Bevölkerung die Dienste des Nahrungsmittelgewerbes in Anspruch nehmen. Bäcker und Fleischhacker unterlagen strengen Bestimmungen.

„Die mittelalterliche Gesellschaft war trotz der sehr beschwerlichen Reisemöglichkeiten äußerst mobil. Reisende aller Schichten benötigten Unterkunft und Verpflegung. Das Recht zur Ausschank und zur Beherbergung wurde zum einträglichen Geschäft und somit zu einer privilegierten bürgerlichen Tätigkeit.“ („Geschichte von Enns“, Seite 107)

„Die Stadtbürger standen direkt unter dem Schutz des Landesfürsten, der an einem ungestörten Handel großes Interesse hatte. Um diesen zu gewährleisten, bedurfte es besonderer Gesetze, nach denen die Stadtbewohner auf relativ engem Raum leben konnten. Sie unterschieden sich erheblich von jenen der grundherrlichen Untertanen einerseits und der Adelsgruppen andererseits. Z.B. ging es nicht an, daß wegen jeder Meinungsverschiedenheit im Handelsgeschehen zum Schwert gegriffen wurde, und auch die Blutrache war tunlichst auszuschalten, damit sich die sehr eng verwandten Stadtbewohner nicht innerhalb kürzester Zeit selbst ausrotteten. […] Sowohl das Gottesurteil als auch der Zweikampf bei bürgerlichen Auseinandersetzungen wurden weitgehend abgeschafft.“ („Geschichte von Enns“, Seite 107)

„Die Bewohner einer Stadt – und war sie noch so klein – fügten sich zu einer sehr differenzierten Gesellschaft zusammen. Die soziale Stellung der einzelnen richtete sich nach ihrem Besitz und ihrem ausgeübten Beruf. Anstelle des Grundherren mußten alle einen Stadtherren anerkennen, der von einem Mann seines Vertrauens in der Kommune vertreten wurde: dem Stadtrichter.“ („Geschichte von Enns“, Seiten 107 und 110)

Die Stadt auf dem Berg wurde unmittelbar vor 1186 errichtet und 1194 mit einer Mauer umgeben. Auch wenn ihre Ausdehnung erst um 1400 bekannt ist, kann man davon ausgehen, dass sie Stadt ursprünglich kleiner gewesen war, als der Mauerring vermuten lässt. Wann die Stadt auf die heutige Ausdehnung vergrößert worden ist, weiß man nicht.113 Zwischen der Anlage der Stadt am Berg und dem Abfassen des ersten Steuerverzeichnisses 200 Jahre später dürften sowohl der Umfang und die Größe der Stadt sowie die Einwohnerzahl jedoch relativ konstant geblieben sein.

Einige Stellen innerhalb der Stadtmauer waren noch gänzlich unbebaut. Ein Beispiel dafür ist der Bereich südlich der Pfarrgasse, die „Auf dem Anger“ und um 1429 „Pey der Lacken“ hieß. Wahrscheinlich war hier sogar ein Teich, der von den benachbarten Brauereien benötigt wurde. Auch der nördlichste Teil der Stadt sowie die Grundstücke östlich der Mauthausner Straße waren unverbaut. Zwischen der herzöglichen Burg und der Stadt lag ein tiefer Graben. Der Bau von Kirchen und Klöstern innerhalb der Stadtmauern erfolgte erst nach 1300.

Die Mitte der Stadt bildete der Stadtplatz, der „Am Markt“, „Am Platz“ oder „Am Ring“ geheißen hatte. Hier dürften die wohlhabenden Bürger gewohnt haben, zumindest standen hier die vornehmsten Häuser,114 auch wenn sie ursprünglich durchwegs nur aus Holz waren und erst nach und nach durch Steinhäuser ersetzt worden sind.115 Eine zweite gute Adresse war die damalige „Höfstrass“, die heutige Fürstengasse, die zur Burg führte. Hier würde man am ehesten die Häuser von Adeligen suchen, die zum Burginhaber in Beziehung standen. Um 1400 waren hier Häuser, die den imposanten Wert von 50 Pfund Pfennig hatten (30 Pfund Pfennig musste man damals zahlen, um die Vollbürgerschaft zu erhalten.).112 Wo genau die Adeligen wohnten, kann man nicht genau sagen, da ihre Häuser in den Verzeichnissen nicht aufschienen.

In der Frauenstraße, die zur damaligen Maria-Anger-Kirche führte, lebten um 1400 ein Bäcker und zwei Schuster. Die Fleischbänke der Stadt lagen in der vorderen „Fleischhakerstrazz“, der heutigen Basteigasse. Wahrscheinlich standen die Schlachthäuser am Abhang nach Osten hin, damit der Gestank in der Stadt nicht zu stark wurde.

Die heutige Wienerstraße hieß damals „Münsserstrazz“. Hier lag die Ennser Münzstätte. Am Haberfeldtor, dem späteren Steyrertor wohnten Leute mit relativ geringen Einkünften.113 In der „Peckenstrazz“, der heutigen Bräuergasse, lebten damals drei Bäcker. Die „Smidstros“, die heutige Linzer Straße, führte zum Schmidtor. Vor diesem Stadttor befindet sich der Schmiedberg. Hier waren die feuergefährlichen Werkstätten der Ennser Schmiede. In der „Smidstros“ selbst, standen 25 Häuser, in denen alle Berufsgruppen vertreten waren.

Von der bis ins 15. Jahrhundert existierenden „Judenstrazz“ gibt es heute keine Steuereinträge mehr. Beide Seiten, welche die Ennser Judengemeinde verzeichnet hatten, wurden irgendwann herausgerissen.

Außerhalb der befestigten Stadt befanden sich verschiedenste Siedlungen. Wie bereits erwähnt, dürften Reste des Legionslagers noch gestanden sein. Es war zumindest fast menschenleer. Nur ein Gebäude findet sich in der ersten Steueraufzeichnung der Stadt, wobei die Maria-Anger-Kirche und die zu ihr gehörenden Bauernhöfe nicht angeführt waren. Bei der Laurenzkirche befand sich die Siedlung „Bey der Pfarr“. Hier standen unter anderem der Pfarrhof sowie die dazugehörenden Gebäude, die ebenfalls nicht im Steuerverzeichnis aufscheinen. Einige Handwerker hatten sich hier angesiedelt.

„Bey dem Spital“, dem heutigen ehemaligen Bürgerspitalt, standen um 1400 30 Häuser. Westlich des Linzertores befanden sich „an der Rauripp“ zwischen 5 und 8 Hafnerwerkstätten und eine Köhlerei. In der „Altenstat“ standen rund 20 Häuser. Schiffleute und Schoppern waren hier zu finden. Die „Altenstat“ dürfte genau wie das „Nider Reintal“ schon vor der Siedlung am Stadtberg bestanden haben. In letzterem Vorstadtviertel finden sich nämlich auch ein Fasszieher, ein Goldschmied, ein Binder und eine eigene Badstube. Darüber hinaus verfügten nicht wenige Hausbesitzer eigene Weingärten in der Wachau. 20 Häuser von Fischern und Handwerkern befanden sich in ähnlich alten Siedlung „Undern Vischern“. Eine kleinere Siedlung war „bey der Prukk“ an der Ennsbrücke. Das als „Lederviertel“ bezeichnete „Ober Reintal“ lag weiter stromaufwärts.